Ein Klassenzimmer, gleich in welcher Stadt. Vor der Lehrerin ein Kompetenzraster, daneben der Stapel Vergleichsarbeiten, im Postfach die nächste Erhebung. Mit dieser Szene öffnet Richard Hörner in seinem Buch „Grundblindheit“ das Feld der Bildung – und stellt eine Frage, die in keinem Lehrplan mehr vorkommt: Wofür wird eigentlich gebildet?
Die Lehrerin ist einmal Lehrerin geworden, weil „ein einziger Satz eines einzigen Lehrers“ ihr den Boden geöffnet hatte. Davon ist sie weit entfernt. „Sie unterrichtet nicht mehr Kinder; sie unterrichtet einen Vorgang.“ Hörner erzählt das nicht als Anklage. In ihrem Innern ringen zwei Bilder miteinander: das eine öffnet den Grund – es ist das Bild jenes Satzes, der sie selbst einmal traf; das andere liefert – Raster, Quoten, messbare Ergebnisse, an denen ihre Arbeit gewogen wird. Jeden Morgen, mit einer Frist und einer Zahl, tritt das zweite vor das erste und drängt es von der Bühne.
Keine Strömung ist böse
Das Bemerkenswerte an diesem Befund ist seine Fairness. Lehrplan, Behörde und Vergleichsstudie tragen Bilder des Messbaren und Verwertbaren in die Welt; Eltern wollen ihr Kind im Wettlauf nicht zurücklassen; Kinder lernen früh, „dass zählt, was gezählt wird“. „Keine dieser Strömungen ist böse. Jede für sich ist vernünftig.“ Zusammen aber ergeben sie ein Feld, in dem niemand mehr fragt, wofür gebildet wird – weil die Frage in keinem der Bilder mehr vorkommt, die zwischen Schule, Elternhaus und Öffentlichkeit kursieren.
Darum hilft auch der vertraute Streit nicht weiter. Wer mehr Disziplin fordert und wer mehr Freiheit, wer Geräte ins Klassenzimmer bringt und wer sie verbietet – sie alle streiten mit denselben messbaren Größen, und „keiner ist näher am Grund als der andere“.
Für das Volo ist keine Spalte
Hörners eigentliche These ist schärfer. „Gebildet wird heute auf das Phaenon hin und nur auf das Phaenon“ – auf die Wirklichkeit, wie sie uns erscheint, und nur auf sie: auf die Fähigkeit, zu konsumieren, zu verwerten, sich in Wirtschaft, Verwaltung und Kulturbetrieb einzupassen. Was dabei nicht gestärkt wird, sind die Kräfte, aus denen ein Mensch sein Inneres überhaupt erst selbst hervorbringt. Das Buch nennt sie Volo, Appetio und Conscio: das gerichtete Wollen, das sich aus eigenem zu richten lernt; die Kraft, die zur Form drängt und ein eigenes Werk hervorzubringen wagt; den Bewusstseinsraum, der sich öffnen und auf den Grund richten kann. Für diese drei, heißt es knapp, ist „im Kompetenzraster keine Spalte“.
Daraus folgt der Satz, der das ganze Bildungsfeld zusammenfasst: „Man bildet nicht weniger, man misst und fördert mehr – aber das Mehr wiegt weniger, weil es den Grund nicht mehr kennt, auf den hin ein Mensch überhaupt zu bilden wäre.“ Hörner nennt das die Bildungsgestalt des inflationären Realismus. Das Wort ist genau gewählt: Inflation heißt, dass sich die Zeichen vermehren und dabei ihren Halt verlieren.
Bildung heißt, einen Menschen auszusetzen
Gegen die Verwertung setzt das Buch keinen Reformplan; es beschreibt, was zerfällt, es verschreibt nicht. Aber es hält fest, worum es bei Bildung ginge: einen Menschen „seinem Grund und der Welt aussetzen“ – und ihn „nicht bloß einer Ordnung verfügbar machen“. Und es nennt einen Prüfstein, der ohne Griff in fremde Innenräume auskommt: Geht ein Kind aus seinen Schuljahren mit gestärktem Wollen, gestärkter Schaffenskraft und geöffnetem Bewusstsein hervor – oder mit einem Innern, vollgestellt mit den Geboten des Marktes, und mit einem Blick, der gelernt hat, nur noch auf das Messbare zu achten? Hörner behauptet ausdrücklich nicht, die Kinder seien innen leerer; das wüsste niemand. Er beschreibt, was sichtbar zirkuliert: Lehrpläne, Erlasse, Debatten, in denen immer seltener vorkommt, wofür man bildet, und immer häufiger, woran man es misst.

Bildung selbst ist dabei kein Gegner. Ohne das gerichtete Einwirken eines Menschen auf die inneren Bilder eines anderen – das Buch nennt es Imagieren – gäbe es „keine Erziehung, keine Bildung, keine Liebe, keine Gemeinschaft und keine Sprache“. Entscheidend sind drei Bedingungen: ob es offen geschieht, ob Widerspruch möglich ist, ob viele Stimmen sprechen oder eine einzige. Wo alle drei günstig zusammenkommen, wächst, was Bildung trägt. Wo alle drei fehlen, entsteht, was das Buch Indoktrination nennt.
Der Riss
Am Ende des Bildungsfeldes steht kein Programm, sondern eine leise, genaue Hoffnung. Der Riss, durch den ein anderer Hauch zöge, ist schon zu spüren – „in jeder Lehrerin, in der das erste Imagio noch nicht ganz von der Bühne gedrängt ist“. Wer unterrichtet, wer Kinder hat, wer sich an den einen Satz erinnert, der ihm selbst einmal den Boden geöffnet hat, wird in diesem Buch etwas wiedererkennen. „Grundblindheit“ schenkt dafür keine Methode, aber eine Sprache: „eine Handvoll Vokabeln, an denen das eigene Innere wiedererkennbar wird“.
Richard Hörner: Grundblindheit. Der verkannte Grund. Eine Ontologie im Zeitalter des inflationären Realismus. Poolsing Verlag 2026. Taschenbuch 21,90 € (ISBN 978-3-938846-91-9), E-Book 11,99 € (ISBN 978-3-938846-92-6), Hörbuch. Zum Buch · Zum Hörbuch
