Eine Philosophie darf man nicht nur fragen, was sie denkt. Man darf sie fragen, was sie taugt. Die Probe ist einfach und unerbittlich: Man nehme die Lagen, an denen eine Gesellschaft sich seit Jahren wund reibt – die Familie, die niemand mehr ganz bewohnt; die Schule, die misst, statt zu bilden; die Erschöpften in den Wartezimmern; die Macht der Bildschirme; die Politik, die nur noch Lärm ist; den Streit um Menschenrechte, Umwelt, Migration, Krieg und Abtreibung; und am Ende den Tod –, und man sehe nach, ob das Buch an diesen Stellen etwas sagt, was die Lager nicht längst gesagt haben. Richard Hörners „Grundblindheit. Der verkannte Grund“ hat den Ehrgeiz, eine Ontologie zu sein, eine Beschreibung dessen, was der Mensch ist und wie er seine Welt verarbeitet. Dann muss es sich an genau dieser Probe messen lassen. Es besteht sie, und zwar auf eine Weise, die man so nicht erwartet hätte.
Die Werkstatt
Das Buch beginnt nicht bei der Gesellschaft, sondern im Innern eines einzelnen Menschen, und es nennt dieses Innere das Interio: „der vollständige innere Raum, in dem ein Mensch sein Hiersein verarbeitet – in dem Wahrnehmungen zu Empfindungen werden, Empfindungen zu Urteilen, Urteile zu Überzeugungen, Überzeugungen zu Handlungen“. Hörners Bild dafür ist eine Werkstatt, „die niemals schließt“, in der „Werkzeuge liegen, die der Bewohner nicht selbst angeschafft hat, Bilder hängen, die er nicht selbst gemalt hat“. Was in dieser Werkstatt entsteht, sind innere Gestalten, im Buch Imagines genannt, und jede von ihnen ist aus fünf Elementen gefügt: einer Ausrichtung an einem äußeren Anker, einer leiblichen Färbung, einer ordnenden Verknüpfung, einem inneren Gesetz und einem Standort, von dem aus das Ganze gesehen wird. Das klingt nach Schema, und es ist das Gegenteil. Denn an jedem dieser Elemente lässt sich zeigen, wo ein Leben hakt. Das innere Gesetz, das Hörner Lex nennt, kann „die Lex des Vaters, der Lehrerin, der Gemeindeschwester, des Algorithmus“ sein, vom Inneren übernommen, ohne sie zu verstehen – „sie spricht im Inneren, also klingt sie wie das Eigene“. Und der Standort des inneren Beobachters, die Perspectio, „macht den Unterschied zwischen Gefangenheit und Freiheit oft mehr als die anderen vier Elemente zusammen“.
Man muss das Vokabular nicht lieben, um zu sehen, was es leistet. Es erlaubt, von Vorgängen zu sprechen, für die der Alltag nur Urteile hat. Wer sagt, jemand sei „halt so“, hat nichts beschrieben. Wer sieht, dass in ihm ein fremdes Gesetz spricht und sein Beobachter zu nah am Geschehen steht, hat einen Anfang.
Die Bewegungslehre
Das vierte Kapitel, das Herzstück des Buches, setzt diese Statik in Bewegung, und hier wird es präzise. Die ersten inneren Gestalten entstehen nach Hörner wie Kalk im Wasserlauf, durch Wiederkehr: ein Gesicht, das kommt und geht, eine Stimme, die beruhigt, eine Hand, die wärmt – „Eine Welt ist im Niederschlag begriffen, ehe das Kind ein Wort hat“. Was unter Schmerz und Schreck niederschlägt, ist von Beginn an härter gefügt; was unter verlässlicher Wärme niederschlägt, bleibt durchlässig. Später genügt ein winziger Anstoß, den das Buch mit dem Plektrum vergleicht und Plex nennt, damit eine solche Gestalt „in voller Klanglichkeit“ auftritt: ein Tonfall, ein Geruch, ein Lichteinfall. Aus Jahren dieses Spiels wächst eine innere Skulptur, die Konkresion, und sie nimmt über das Leben eine von zwei Richtungen: Sie versteift, oder sie wird geschmeidig. Hörners Bild dafür ist die Holztür, die sich bei derselben Witterung entweder im Rahmen festklemmt oder Spalte bekommt, „durch die der Hauch aus dem Nebenraum zieht“. Was den Unterschied macht, ist nicht die Witterung, sondern „das, was im Holz schon gespeichert war“.

Dann tritt das Buch aus dem Einzelnen heraus. Jeder Mensch trägt ein Bild von sich und lebt zugleich als Bild in den Köpfen der anderen, und diese Bilder sind früher da als er: „Bevor der Säugling sich selbst hat, hat ihn die Welt schon.“ Für den Vorgang, in dem Menschen einander Bilder einsetzen, prägt Hörner das Verb imagieren, und die Reihe, mit der er es einführt, ist die vielleicht nüchternste Beschreibung von Macht, die man in jüngerer Zeit lesen konnte: „Eltern imagieren ihre Kinder. Lehrer imagieren ihre Schüler. Werbung imagiert ihre Verbraucher. Eine Religion imagiert ihre Gläubigen.“ Das Imagieren ist nicht das Böse; ohne es „gäbe es keine Erziehung, keine Bildung, keine Liebe, keine Gemeinschaft und keine Sprache“. Es kommt auf die Bedingungen an, und Hörner nennt drei: Geschieht es mit Wissen der Betroffenen? Gibt es eine Möglichkeit der Abwehr? Ist es vielstimmig oder monopolisiert? Wo alle drei Bedingungen schlecht stehen, heißt es Indoktrination. Wo alle drei gut stehen, heißt es Bildung. Das ist ein Maßstab, den man an eine Plattform ebenso anlegen kann wie an ein Elternhaus.
Die Probe
Und nun die Lagen. Der fünfte Geburtstag: Das Kind holt Luft, „die Augen suchen über den Tisch – und finden ein Objektiv“; der Vater kniet mit dem Telefon in der besten Position, und das Kind legt sich, ohne ein Wort, ein Gesetz zu: „Gesehen wird, wer sich zeigt. Echt ist, was aufgenommen wurde.“ Hier beschreibt das Buch nicht Lieblosigkeit, sondern eine Ausrichtung, die „die Richtung verloren hat“ – und wer das Wort hat, sieht den Augenblick, in dem er selbst das Telefon hebt. Die Schule: Eine Lehrerin „unterrichtet nicht mehr Kinder; sie unterrichtet einen Vorgang“. Legt man die drei Bedingungen des Imagierens an, weiß man, was eine Schule zu leisten hätte: nicht weniger Einfluss, sondern vielstimmigen, offenen, abwehrbaren. Die Wartezimmer: Die seelischen Krisen sind für Hörner „keine Krankheiten einer schwächeren Generation“, sondern „die Symptome einer Lage, die in den verfügbaren Sprachen nicht erkannt werden darf“ – keine Überforderung des Einzelnen, sondern eine „Überschüttung, die das Innere unter lauter Ansprüchen begräbt“. Halb zwei nachts, der Bildschirm: „Es ist kein Sehen mehr. Es ist ein Empfangen.“ Und die Talkshow, sechs Stühle, sechs Lager: „Sie verhandeln nicht. Sie führen auf“ – ein Studio, von dem es heißt: „Es belohnt das dichteste Bild und bestraft das tastende Wort.“

Am härtesten wird die Probe in den großen Streitfeldern, und dort zeigt sich, was die Weigerung des Buches, Partei zu nehmen, wert ist. Zu den Menschenrechten stellt es eine einzige Frage, an der sich die echten von den aufgeblähten scheiden: Schützt dieses Recht das Hiersein eines Menschen? Zur Migration: „Ströme fliehen nicht; es fliehen Einzelne, in großer Zahl“, und auf der anderen Seite stehen ebenfalls Einzelne – die Frage wäre, was mit dem geschieht, was alle Beteiligten trägt, „derer, die fliehen, derer, die aufnehmen, derer, die zurückbleiben“. Zum Krieg ein Satz, der jede Haushaltsdebatte unterläuft: „Geburt ist einzeln, Tod ist einzeln; auch das millionenfache Sterben brennt immer nur in konkreten Einzelnen.“ Und zur Abtreibung das Erstaunlichste: Das Buch zeigt, dass die Frage, wann ein Leben beginnt, „so gestellt, nicht zu beantworten ist – nicht weil wir zu wenig wüssten, sondern weil die Sache selbst sich der Antwort entzieht“. Wer das eine behauptet und wer das andere, „überschreitet dieselbe Grenze“. Der lauteste Streit unserer Zeit wird „mit einer Sicherheit geführt, die keine der Seiten haben kann“. Das ist kein Ausweichen. Es ist, für beide Lager, eine Zumutung – und für die Frau mit dem Befund in der Hand die erste Beschreibung, die sie nicht zum Schlagwort macht.
Was das einbringt
Nimmt man die Logik des Buches ernst, dann bekommt man an allen diesen Stellen dasselbe, und es ist nicht wenig. Man bekommt eine andere Verarbeitung: Der Vater am Geburtstagstisch sieht seine Ausrichtung, die Lehrerin hat einen Maßstab, der Streit hat eine Frage statt zweier Gewissheiten. Man bekommt eine Entlastung, die das Buch selbst als seine erste Einsicht nennt: „dass vieles, was wie ein Defekt der Person aussieht, der Niederschlag einer geteilten und ungewählten Lage ist“. Und man bekommt die Hinweise, an denen man erkennt, wann eine Bewegung in einem nicht die eigene ist. Hörners Kriterium dafür ist von bestechender Einfachheit: „Die schöpferische Kraft, die wirklich am Werk ist, kommt zur Ruhe, wenn das Werk vollendet ist. Die pseudopoietische Bewegung kommt nie zur Ruhe“, sie verlangt immer von neuem, was sie braucht. Wer das einmal gelesen hat, erkennt den Refrain – „kommt nicht zur Ruhe“ – in der Gier, im Scrollen, im nächsten Paket vor der Tür. Daraus folgt keine Technik, und das Buch ist ehrlich genug, keine zu versprechen. Es folgt eine neue Verarbeitungsqualität, aus der anderes Handeln möglich wird.
Ein Einwand bleibt, und man sollte ihn nicht verschweigen. Das Buch verlangt Geduld mit seinem Vokabular; wer bei Karneo, Plex und Konkresion aussteigt, erfährt nie, wie treffend die Beschreibungen sind, für die es geprägt wurde. Hörner weiß das und gibt dem Leser den besten Rat, den ein Autor geben kann: „Die Vokabeln sind austauschbar; die Sache ist es nicht. Wer die Worte vergisst und die Bewegungen behält, hat das Buch richtig gelesen.“
Was am Ende bleibt, steht ganz am Schluss und ist das Leiseste an diesem Buch: „Der Tod ist kein Sturz ins Nichts und kein zu lüftendes, fremdes Geheimnis; denn der Grund, in den das Hiersein sich entkrümmt, ist nicht das Unbekannte, sondern das stets Gesehene.“ Auch das ist eine Probe am Alltag, die härteste. Hörner besteht sie nicht mit einem Versprechen, sondern mit einer Wegnahme: Es bleibt „die schlichte Lage, dass das Ende kein Fremdes ist“. Ein Buch, das die Vorstellung vom Inneren des Menschen neu fasst und dabei bis an den Küchentisch, in das Klassenzimmer und an das Krankenbett reicht, ohne einmal den Ton zu erheben – das ist, in diesem Herbst, eine seltene Sache.
Richard Hörner: Grundblindheit. Der verkannte Grund. Eine Ontologie im Zeitalter des inflationären Realismus. Poolsing Verlag, 2026. Taschenbuch, E-Book und Hörbuch.
