Gesellschaft

Kein leerer Tank

Von Raphael Ruffius, Redaktion Poolsing · Mittwoch, 28. Oktober 2026

Kein leerer Tank

Eine Frau, dreißig, die alles richtig macht. So beginnt in Richard Hörners Buch „Grundblindheit“ eine Szene, in der sich viele wiederfinden: Sie arbeitet, hält sich fit, isst bewusst, bildet sich fort, bleibt erreichbar, pflegt ihre Freundschaften, engagiert sich – „und sie ist erschöpft bis auf den Grund, ohne sagen zu können, wovon“.

Woher kommt eine Müdigkeit, die kein freies Wochenende behebt? Hörner sucht sie nicht zuerst im Körper. Erschöpfte Botenstoffe und müde Nerven gebe es, schreibt er, „doch es ist die Folge, nicht der Grund“. Der Grund liege im Inneren des Menschen, und er habe „die Gestalt dessen, was man eine suggestive Architektur nennen könnte: nicht ein Zwang, der von außen befiehlt, sondern eine Überschüttung, die das Innere unter lauter Ansprüchen begräbt“.

Zu jedem Ruf ein Bild

Leiste mehr, konsumiere mehr, sei schöner, schlanker, gesünder, verfügbarer, informierter, engagierter – keiner dieser Rufe kommt allein, jeder bringt sein fertiges Bild mit, wie man zu sein hätte: „und zu jedem Ruf das Bild dazu“. Für sich genommen ist keiner von ihnen unvernünftig. Was erschöpft, ist der „Dauerregen“, unter dem das Innere erlahmt, „weil es auf alles zugleich antworten müsste und auf nichts mehr kann“.

Die Fabrikhalle

Hörner fasst das in ein Bild, das man nicht mehr vergisst: „Man stelle sich eine Fabrikhalle vor, in der von allen Seiten Förderbänder hereinlaufen – eines für jede Erwartung –, und am Ende der Bänder steht kein Apparat, sondern ein einzelnes Interio, das nicht für die Tagesproduktion einer ganzen Kultur gebaut ist.“ Interio nennt das Buch den Innenraum eines Menschen, als Ganzes gedacht: „der vollständige innere Raum, in dem ein Mensch sein Hiersein verarbeitet“.

Druckgrafik in Blau und Orange: Eine junge Frau sitzt am Ende vieler Förderbänder an einem kleinen Tisch, vor ihr ein Berg aus Bildern
Am Ende der Bänder kein Apparat, sondern ein Mensch

Kein leerer Tank

Daraus folgt der Satz, der der Erschöpfung ihre Scham nimmt: „Was als Erschöpfung erscheint und als Diagnose zurückkommt, ist kein leerer Tank.“ Wer sich leer fühlt, hat nicht zu wenig gegeben; er steht in einer Lage, die viele teilen. „Es sind keine Krankheiten einer schwächeren Generation“, heißt es an anderer Stelle. Vieles, „was wie ein Defekt der Person aussieht“, ist nach Hörner „der Niederschlag einer geteilten und ungewählten Lage“.

Mehr Farbe

Das Buch verspricht kein Rezept gegen Erschöpfung. Es gibt eine Sprache, mit der man die Bilder, die einen bedrängen, als Bilder erkennt – und sie verlieren, wie Hörner schreibt, „im Erkanntwerden ein wenig ihrer Macht“. Wer so hinsieht, gewinnt mehr als Entlastung. Er nimmt sein Leben anders wahr, sein Hiersein, sein Inneres, seine Begegnungen mit anderen, und es wird farbiger. Der Karneval der Bilder verschwindet dabei nicht; er bekommt seinen Platz. „Es ist viel Freude in alldem, echte Freude – man unterschätze den Karneval nicht.“

„Grundblindheit“ ordnet solche Lagen aus einer übergeordneten, zeitlosen Perspektive ein. Die Erschöpfung ist eine von vielen Szenen, an denen Hörner zeigt, was geschieht, wenn der Grund aus dem Blick gerät – in der Schule, auf der Flucht, im Wartezimmer, vor dem Bildschirm um halb zwei in der Nacht. In dieser Form gibt es das nirgends sonst.

Richard Hörner: Grundblindheit. Der verkannte Grund. Eine Ontologie im Zeitalter des inflationären Realismus. Poolsing Verlag 2026. Taschenbuch 21,90 € (ISBN 978-3-938846-91-9), E-Book 11,99 € (ISBN 978-3-938846-92-6), Hörbuch. Zum Buch · Zum Hörbuch